Archive for Dezember, 2011


Published Dezember 27th, 2011

Alben des Jahres 2011

Ist es also mal wieder soweit. Das Musikjahr liegt in den letzten Zügen.

Zeit für einen kleinen Rückblick. Und auch wenn mittlerweile jede Pommesbude und jede Handarbeitszeitschrift ihre Platten des Jahres veröffentlicht: MIR DOCH EGAL!

Im Gegensatz zum Vorjahr gibt’s heuer keinen eindeutigen Sieger für mich. Die ersten 3 Plätze sind geradezu austauschbar und sehr stimmungsabhängig. Zudem sind das Alben, die in den wenigsten Bestenlisten der Mitbewerber auftauchen. Unverständlich genug.

Dafür haben es bei mir die Lieblinge der Kritiker (PJ Harvey, Wilco,…) nur auf die nachfolgenden Plätze geschafft.

Ein Album, dem ich bis vor kurzer Zeit einfach nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt hatte, musste kurz vor “Redaktionsschluss” noch unbedingt untergebracht werden. Das ging gar nicht anders. “Ja, Panik” haben da ein unglaubliches Ding rausgehauen – und so musste ich die Liste kurzentschlossen ein wenig erweitern… Kann ja nix nützen…

Ansonsten gilt zu bemerken:

-          viel deutsch (Bosse, Ja Panik, Frevert und Ullmann)

-          etwas Mainstream (an Adele kam ich nicht vorbei…)

-          erstmals eine “Best of” (quasi Hommage ans Gesamtwerk von R.E.M.)

-          wenig hartes Zeug (Mastodon, evtl. Rival Sons und  Social Distortion)

-          eine Trotznominierung (Glasvegas haben sie ALLE schlecht geredet)

In diesem Sinne: Ein frohes neues Jahr!!

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Wie gut verträgt sich Professionalität mit Dilettantismus? Im Falle von Hysterical” glückt das Experiment dank des unverwechselbaren Sounds von Clap Your Hands Say Yeah. Foto: Pieter van Hattem Da ist sie wieder, wie aus dem Nichts: diese Stimme, bei der man sich nie sicher sein kann, ob sie nach quälend langgezogenen, schiefen Tönen nicht noch einmal eine Oktave höher oder tiefer kippt. Unverwechselbar, was Alec Ounsworth da ins Mikrofon leiert. Damals, im Jahr 2006, als Clap Your Hands Say Yeah ihr selbstbetiteltes Debüt aus dem Keller ans Licht zerrten und über die schon damals nicht mehr neue Kommunikationsplattform namens Internet verbreiteten, jubelte die versammelte Indie-Anti-Hipster-Community über diese charmante Unvollkommenheit. Ein Selfmade-Album, das dem Anspruch des Independent wahrhaft gerecht wurde; Musik, die sich stets dann dem Zugang verweigerte, wenn man glaubte, die lieblichst spinnerte Melodie der letzten Jahre gehört zu haben: die Truppe aus Brooklyn wusste, wie man Arcade Fire das Orchestrale, Wolf Parade die überdrehte Hektik und Modest Mouse die Düsternis austreibt. Das Ergebnis war Indie-Rock, wie er lange davor und danach nicht mehr in dieser Reinkultur praktiziert wurde. (mehr)

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Einfach nur schöne Momentaufnahmen vom Leben – unspektakulär, grundsympathisch, freundlich und gut hörbar. In aller Unaufgeregtheit hat sich Bosse in den immerhin schon acht Jahren Solo-Existenz und mit drei Alben ein solides Fundament ständig wachsender Aufmerksamkeit gebaut. Spätestens mit dem 2009er Mini-Hit „Liebe ist leise“ und der electroiden Oliver-Koletzki-Kooperation „U-Bahn“ gelangen dem Braunschweiger denn auch zwei Hinhörer, die den Weg zum aktuellen, dem vierten, Album schonmal aufgezeigt haben. „Weit weg“, die aktuelle Vorabsingle bündelt punktgenau, was an Bosse gefallen kann: Es ist eine ganz eindeutig Popradio-taugliche Nummer, auf sehr clevere Weise zwischen Singer/Songwriter-Sympathie, Deutschrock-Direktheit und sphärisch unterfütterter Tanzbarkeit angelegt; man kann diesen Song nicht wirklich schlecht finden, es sei denn, man lehnt jegliche auf Konsens angelegte Popmusik mit Mehrheitspotenzial sowieso ab. Was Bosse indes von der Masse des Popradio-tauglichen abhebt: Man glaubt ihm prompt, dass er diesen Effekt der Mehrheitsverträglichkeit nicht durch kühle Kalkulation erreicht oder dadurch, dass er das Niveau tiefer anlegt. Bosse-Songs sind hörbar in einem guten Sinne. Sie sind unprätentiös, die Arbeit an ihnen setzt nicht auf Effekte, sondern auf Inhalte. Textlich und musikalisch. (mehr)

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Unangepasst lärmender Mainstream-Rock — Kasabian geben sich auf Velociraptor!” gewohnt großspurig, liefern dafür aber wenig Gründe. “Velociraptor ist eine Gattung theropoder Dinosaurier aus der Gruppe der Dromaeosauridae, welche vor etwa 83 bis 71 Millionen Jahren in der späten Kreidezeit lebte.” — Das vorangestellt, sollte alles zum Titel des neuen Kasabian-Albums gesagt worden sein, einen näheren Bezug zur Musik hat er nämlich nicht. Klingt eben cool. Dass sich das Quartett auf Pose und Selbstdarstellung versteht, sollte eh klar sein. Ein gewisser Hang zum Größenwahn ist britischer Pop-Musik zwar seit jeher nicht abzusprechen, Kasabian spielen sich in der Hinsicht aber schon sehr gekonnt in die Fachpresse. Auch im Vorfeld ihres neuen Albums sprach Gitarrist Pizzorno von einem modernen Klassiker, den die Band da zusammengezimmert habe. Die Herren wissen, wie man sich ins Gespräch bringt und da sie nun schon seit geraumer Zeit zur Speerspitze der pop-historischen Recycling-Maschinerie in Großbritannien gehören, ist die Erwartungshaltung dementsprechend hoch — weshalb sich “Velociraptor!” auch nicht lange mit Tiefstapeleien aufhält. Kasabian – “Days Are Forgotten” Nahtlos an ihr experimentell ausgerichtetes, letztes Werk “West Ryder Pauper Lunatic Asylum” anschließend, haben Kasabian mittlerweile auch die elektronische Unterfütterung wieder für sich entdeckt, die bereits im opulent startenden Opener “Let’s Roll Just Like We Used To” wie selbstverständlich neben Bläsern und Streichern Einzug hält. Doch zunächst eröffnet ein Gong die Spiele und Kasabian betreten großspurig die Arena: “So raise a glass to the one’s that have passed!” — Cheers, die Herren! Die Single “Days Are Forgotten” sattelt dann unverblümt Led Zeppelin-Gesang auf Dance-Groove und U2-Gitarren, womit gleich mal umrissen wäre, woher die Inspiration für den Band-Sound stammt: nämlich aus allen Quellen, die auch nur irgendwie anzuzapfen wären. (mehr)

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Zehn Tage lang hat sich die Gruppe Ja, Panik für ihr viertes Album mit Produzent Moses Schneider in ein Studio eingesperrt, um dort live mit einer unfassbaren Intensität ein episches Album einzuspielen, das mindestens den bisherigen Höhepunkt dieser noch so jungen Ausnahmeband darstellt. Und nur selten wurde die Bedeutung eines Titels schon im Vorfeld einer Plattenveröffentlichung so diskutiert, wie es bei DMD KIU LIDT der Fall ist. Aber spätestens wenn Sie das Titelstück gehört haben, in dem uns DMD KIU LIDT erscheint wie ein auf sich alles reimendes Schlumpfwort aus Himmel und Hölle, ja spätestens dann stellt sich garantiert nicht mehr die Frage nach der Bedeutung, sondern nur noch nach dem was bleibt. Vielleicht ist es Andreas Spechtl und seiner Band Ja, Panik auch nur deshalb gelungen, sich aus der einst noch so verkopften Zitaten- und Referenzhölle zwischen Dylan (international) und Falco (national) zu befreien, weil man einen Titel gewählt hat, den es so noch nie gegeben hat und auch wohl nie wieder geben wird: Ein unbewohntes Fleckchen Erde, ein undefinierter Raum. Man mag hierin zwar Spuren der Zivilisation von Walter Benjamin, Billy Wilder, Mick Jagger, Bryan Ferry, Chris Korda, John Cale oder Billy Bragg finden, aber nichts desto trotz ist DMD KIU LIDT das eigenständigste, poetischste, ja modernste Rock&Roll-Album, an dem sich die deutsche Sprache jemals beteiligen durfte. (mehr)

Konzerte des Jahres:

Ebenso wie bei den Platten des Jahres war die Auswahl diesmal extrem schwierig.

Eine Vielzahl toller Clubkonzerte – besonders im geliebten Atomic Cafe – kamen in die nähere Auswahl. Pardon Ms. Arden, Crookes, Rifles und Glasvegas waren grossartig. Dazu ein fantastischer Auftritt der Queens of the Stone Age in der Tonhalle. Ein wenig unerwartet fuer mich auch die tolle Performance von Adele im Kesselhaus. Im Herbst nur ganz knapp aus der Wertung gefallen sind Volbeat, die Drums und Bombay Bicycle Club.

Aber nun zur Wertung:

Frühling:            Glasvegas, Manchester Academy

.                         (dieses Auswärtsspiel verdient Erwähnung)

Sommer:            Rock im Park (1.Festival Ü40 verdient Erwähnung)

Herbst:              Kasabian in der Theaterfabrik (verdienen prinzipiell Erwähnung)

Winter:              Bosse in der Theaterfabrik

.                         (die Performance von Aki verdient mehr als Erwähnung)

Ausserdem gab es natürlich noch ein weiteres Highlight, das aber aufgrund seiner “etwas anderen Art” einen Sonderstatus einnimmt. KRAFTWERK in der Alten Kongresshalle war ein echtes Erlebnis, und erhält seinerseits hier die überfällige Erwähnung.